Zwei Stunden Mittagspause verbessern auch das Privatleben

Im Arbeitsalltag kommt das Abschalten oft zu kurz. Dabei preisen Ärzte Ruhephasen als entscheidend für eine effiziente Tätigkeit an. Eine italienische Psychiaterin verrät, was ihre Landsleute bei der Siesta richtig machen – und was zum gelungenen Feierabend gehört.

zwei stunden mittagspause verbessern auch das privatleben

Mit Kollegen oder Freunden mittags zusammen zu essen, und das zwingend fernab des Arbeitsplatzes, fördere den Appetit und sorge für Entspannung Getty Images/Catherine Falls Commercial

Besteht die Chance, dass Sie diesen Artikel an Ihrem Arbeitsplatz lesen? Vielleicht im ersten Drittel der Pause und zwischen dem fünften Happen der halb garen Spaghetti, die heute Morgen hastig in der semi gut gespülten Brotdose landeten? Und wüssten Sie, wonach die Nudeln schmeckten, wenn Sie sich nicht genau in diesem Moment darauf konzentrieren würden? Womöglich nicht, weil gerade vom Handyspiel „Clash of Clans“ abgelenkt.

Vielen Menschen geht es genau so. Denn die Pause an beinahe egal welcher Arbeitsstätte und egal zu welcher Uhrzeit verkommt – weil sie längst zu mehr dienen muss als der Nahrungsaufnahme. Es gilt, schnell die neuesten Posts auf den einschlägigen Social-Media-Kanälen zu checken, zu schauen, ob die Versandbestätigung für die neuen Gartenstühle in den Mails gelandet ist, und hatte nicht auch Michael eben angerufen? Kurz: Das Abschalten und damit Ausruhen gehört der Vergangenheit an. Und das hat weitreichende Folgen.

„Wir könnten rundherum gesund sein – wenn der Stress nicht wäre, der diesen Zustand verhindert“, sagt Stefania Doria, Psychiaterin und Psychotherapeutin mit eigener Praxis in Mailand. Aus rein organischer Sicht fehle vielen Menschen nichts, und doch klagen sie über Blähbäuche, Nackenschmerzen, ein Ziehen an den Schläfen oder Nächte, in denen Schlaf so wenig vorkommt wie eine Palme in der Arktis. „Unser westlicher Lebensstil basiert zu hohem Maße auf Stress“, führt Doria fort. „Wir verbrauchen solche Mengen an Energie dafür, dass sie an anderer Stelle fehlt.“ Nur: Was tun, wenn ein Chef nach dem neuesten Strategiepapier verlangt, wenn unbeantwortete Nachrichten auf Aufmerksamkeit hoffen – und das Gleiche auch für die Familie zu Hause gilt?

Mittagessen wie Italiener

„Die Deutschen sollten es mehr wie wir Italiener machen und sich eine ausgedehnte Mittagspause gönnen“, schlägt die Expertin vor. „Natürlich lässt sich das nicht in jedem Job einfach umsetzen, das ist klar. Aber wer möchte, findet die Zeit, davon bin ich überzeugt.“ Mit Kollegen oder Freunden zusammen zu essen, fördere den Appetit und sorge für Entspannung. Wer stattdessen seine Currywurst oder den gemischten Salat hinunterschlingt, nur um gleich wieder für Kunden/Patienten/Klienten da zu sein, schadet auf Dauer nicht nur dem Magen (Krämpfe, Geschwüre & Co.!) und damit sich selbst. Sondern eben auch anderen.

Wer nur von A nach B hetze, um kurz darauf zu C zu eilen, komme nie an, schon gar nicht konzentriert, interessiert oder seinen Mitmenschen zugewandt. „Was ich sagen will: Nicht Stress als solcher ist grundlegend verkehrt, sondern unser Umgang damit“, meint Doria, die in ihrer Arbeit Aspekte der westlichen sowie der orientalischen und ayurvedischen Medizin verbindet. „Auch die gesündeste Ernährung nützt nichts, wenn wir sie auf einem ungesunden Weg zu uns nehmen.“

Also heißt es, sofern möglich: weg vom Schreibtisch, raus vor die Tür. „Vor dem Bildschirm – oder am Arbeitsplatz generell – zu Mittag zu essen? Absolut verkehrt“, warnt Doria. „Der Magen und damit die Verdauung funktionieren wie erwähnt nicht optimal, wenn wir während des Essens noch wegen des Problems aus der Konferenz grübeln.“ Auch Nackenschmerzen, die mitunter von Unausgesprochenem herrühren, ließen sich fernab des Büros „angehen“. Wer in einem Moment der Ruhe seine Worte sammelt, spricht Probleme später selbstbewusster an. „Würden Chefs diesbezüglich auf ihre Mitarbeiter eingehen und ihnen mehr Zeit gönnen, ließen sich viele Burn-outs verhindern“, zeigt sich Doria überzeugt.

Zumal sich die Arbeit von fünf Stunden ausgeruht womöglich auch in drei erledigen lässt, meint die Expertin, die seit sieben Jahren dem wissenschaftlichen Komitee des Hotels „Lefay Resort & Spa“ am Gardasee angehört. Dort sollen Gäste in einer Kombination aus moderner Wissenschaft und chinesischer Medizin ihre ins Ungleichgewicht geratene physische wie psychische Gesundheit mit individuellen Anwendungsprogrammen wieder in Balance bringen können.

Ein Korridor zwischen Arbeitsplatz und Familie

Und den Beginn des Feierabends sollten Arbeitnehmer nicht nutzen, um gleich zur Familie zu „flüchten“. Auch hier sei viel Zeitmanagement gefragt, weiß die Psychiaterin, doch: Es mache sich bezahlt. „Schaffen Sie sich einen Korridor zwischen Arbeitsplatz und Familie, in dem Sie sich ganz bewusst einem Hobby widmen, eine Runde um den Block laufen oder ins Museum gehen, Hauptsache für sich sind“, rät Doria. „Sonst tragen Sie die Probleme von einem Ort zum nächsten, ohne sie loszulassen.“ Das eigene Unwohlsein übertrage sich vielmehr auf Partner, Kinder, Mitbewohner, vielleicht sogar den Vierbeiner. Der würde sich ohnehin freuen, wenn die Gassirunden mindestens 40 Minuten am Tag dauern.

Denn, das betont Doria, die meisten Tipps von Ärzten und Psychiatern stellten kein Hexenwerk dar. „Es ist längst bekannt, dass unsere mediterrane Küche sowie wenig Gluten, wenig Milch und Alkohol, dafür viel Bewegung und ein soziales Miteinander der Gesundheit zuträglich sind“, merkt die Expertin an. „Die Ratschläge mögen simpel erscheinen, aber die Umsetzung fällt vielen nicht leicht.“

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